Mahnwache für Opfer staatlicher Gewalt und Folter, namentlich Julian Assange, in Erinnerung an Sophie und Hans Scholl, und an Chelsea Manning und Edward Snowden.

23.12.2019 München, Odeonsplatz
31.12.2019 München, Sendlinger Str. 19
15.01.2020 München, Sendlinger Str. 19
22.01.2020 München, Marienplatz
29.01.2020 München Odeonsplatz
05.02.2020 München Rotkreuzplatz
12.02.2020 München Max Joseph Platz
19.02.2020 München Odeonsplatz
26.02.2020 Weißenburgerstr. 9
11.03.2020 Weißenburgerstr. 9

Aktuelle Info:

Bis zum 19.4.2020 sind in Bayern alle öffentlichen Veranstaltungen untersagt. Deshalb finden vorerst keine weiteren Mahnwachen statt.


Ort der Worte

Die da tragen die Wahrheit in das Licht

Thema und Variation




15.1.2020



VARIATION 1


31.12.2019

Variation 1

Nie wieder !
Nie wieder ?
Nein.

Sie.
Die die Wahrheit
in das Licht tragen.

Es geschieht.
Wieder. Wieder und wieder.
Woche für Woche.
Tag um Tag.
Stunde um Stunde.
Minute für Minute.

Hier.
Inmitten Europas.
UK
London SE28 0EB
Western Way
HMP Belmarsh
ID: A9379AY
Mr. Julian Assange

Und wieder
so viele stumm?

Wir dürfen niemals vergessen,
schweigen, zu gedenken ist ohne Gefahr
Dagegen zu handeln -

Sophie und Hans !
In der Stille kann ich euch fühlen
ganz nah

hör ich euch rufen
eure Rufschreie
schreien

die Stimmen aller
die zum Verstummen
gebracht

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Never again!
Never again?
No.
Those who again bring the truth to light.
Again and again.
Week by week.
Day by day.
Hour by hour.
Minute by minute.
Here.
In the midst of Europe.
UK
London SE28 OEB
Western Way
HMP Belmarsh
ID: A9379 AY
Mr. Julian Assange
And we again voiceless?
We must never be silent or forget,
to INTEND to take action is without danger.
But to TAKE action -
Sophie and Hans!
In the silence I feel your presence
close by I hear you calling
your warning cries are echoed by the voices
of all those who were brought to silence


VARIATION 2



Nie wieder?'
Doch.
Hier.
Mitten unter uns.

Julian!
Wir erinnern deine Worte:
"This is not about me,
this is about you."

Doch hier
in diesem Moment,
in dieser Stunde,
da wir hier stehen,
geht es um Dich -

Chelsea Manning,
Edward Snowden,
zusammen mit
all denen,
die je die Wahrheit
trugen ans Licht

und tragen
bis heute.



15.01.2020


Variation 3

Nie wieder
durfte
die entsetzliche
schockierende Wahrheit
kommen ans Licht
wie damals - in Vietnam.
Das war der Plan.

Warum Du,
Julian Assange?

Weil Du
als Mitgründer von Wikileaks
zahllosen Zuflüsterern
Ort und Schutz gegeben,
und Mut –
so frei geworden,
Tag für Tag bis heute,
geheime Wahrheiten,
endlos verstörend,
verborgen,
verschwiegen,
unterdrückt,
bringen zu können,
zu bringen ans Licht.

Das, Julian,
das allein,
ist der Grund
für das,
was man Dir antut.



Variation 4

Nach jahrhundertelangem,
stets gefährdetem,
vielfach bedrohtem,
irrster Irrwege zum Trotz
unaufhaltsamem Aufstieg
stürzt
das Recht im Abend
aus hohem Licht
steil
abwärts -
weithin
hinab.




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Poetische Artikulationen | Kunstbestäubungen
Politische Partituren | Partituralia





Die Patin

Geistige Patin dieser Website ist die Wunderblume Taraxacum sect. Ruderalia, der Gewöhnliche Löwenzahn.

Nichts Besonderes sein. In allen Ecken und Nischen wurzeln. In dichtgelben Blüten - von süßem Geschmack - sein Licht ausstrahlen.

Heilend. Bitter im grünen Bereich.
Nach der Silberkugelverwandlung sich in alle Richtungen verschenkend - vom Wind getragen.


Das Bild

Ein Kind findet im Wald einen Stock und beginnt zu spielen. Ein anderes kommt hinzu und spielt mit. Immer mehr kommen dazu, lassen sich anstecken und beginnen ebenfalls zu spielen.
Sie spielen. Jedes für sich. Vereint. Frei.


Der Kompaß

Alle Gedanken, Ideen und Arbeiten dieser Website stehen im Horizont folgender fünf Aspekte:
Bewahrung der Schöpfung, Frieden, Minderung der Ungerechtigkeit, Aufklärung, der Mensch als schöpferisches Wesen.


Der Fluss | Im Strom

Das Fließen, das Strömen (s. Viktor Schauberger)
allmählich ein Bett ausbilden.
Die Ränder in steter Veränderung.
Mäandern durch vielfältige Landschaften.
Bewegung durch und entlang verschiedenster Orte.
Fremdes, Angeschwemmtes aufnehmen, sammeln, mit sich führen, weitertragen.
Wellen, untertauchend, an anderer Stelle wieder auftauchend.

Es geht nur in solchem assoziativen Denken in Bildern, bildhaften Begriffen.

Finde schwer Worte für das, was da hoch will, und suche ständig nach neuen passenderen, Halt bietenden Begriffen. Von ihnen aus geht es erneut in den Strom.

Da ist auch ein Ruf, der mir sagt: Sorge Dich um es, schaffe Ordnung und Überblick, mach es zugänglich und handhabbar, mach dass es schön ist, teile es mit anderen.




Die Seite befindet sich im Aufbau.


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Nach dem Aufstand
Pate: Paul Klee
Aufstand des Aquädukts, 1937




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Stationen

Zeichenerklärung:

| Aussicht
|| kurze Strecke
||| kürzere Strecke
|||| längere Strecke
||||| lange Strecke
|||||| Strecke mit Abzweigungen



|| Mahnwache München

| Nach dem Aufstand

|| Im Rän

|| Ort der Worte

||||| Stimme und Zeichen

|||||| Ambiguitätstabsregiment | Großes Gehölzfest

|||| Tischfest

||| Sieben annotierte Grundformen für öffentliche
Schlaftürme



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Im Rän



Im Rän vonne Sprache

N Worrcht

fällt

inminn

Kopp -

jefällt

unn

zafällt.


Prosaübersetzung:

Dem permanenten Strom der Sprache ausgesetzt, braucht irgendein Wort mir nur flüchtig aufzufallen, sein Klang, seine Gestalt, Bedeutung, Herkunft, es springt mich an, platzt auf, rinnt in neue Beziehungen, andere überraschende Zusammenhänge.

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1 Ort der Worte


Drei Geschwister,
drei Formen Menschen in die Öffentlichkeit einzuladen und zusammen zu bringen.




Ort der Worte


Versuch, einen öffentlichen Ort wie die Mahnwache anzureichern und ihm damit vielleicht zu mehr Aufmerksamkeit, Verbreitung und Dauer zu verhelfen.


Ein Ort, an dem sich Menschen versammeln, ähnlich einer Mahnwache, nur dass das Thema nicht eingegrenzt ist, sondern sich jedes Mal ein - erweiterbarer - Fächer an Themen entfalten kann. Durch vorbereitete Texte zu Themen, die uns alle angehen.

Wenn Aussagen / Dokumente aus verschiedenen Bereichen zu unterschiedlichen Themen zusammen kommen, historische, indianische, wissenschaftliche, religiöse, poetische, Satire, politische Zitate u.a., wird ein größerer Personenkreis angesprochen und der Austausch aspektreicher.

Ich arbeite seit einigen Jahren bevorzugt mit handgestempelten Texten. Das mutet zunächst unglaublich antiquiert an und ist tatsächlich ziemlich zeitaufwändig. Doch bringt es ein paar Aspekte mit sich, die vielleicht bedeutsam sind.
Zunächst kommen nur Texte von ausgesuchter Qualität, Geschliffenheit oder Dringlichkeit in Betracht, für die man sich der Mühe des Setzens unterzieht. Das Stempeln wird auf diese Weise zu einem Qualitätsfilter.
Zweitens ergibt sich allein schon aus der Technik des von-Hand-Stempelns das fundamentale poetische Prinzip Wiederholung und Variation. Einerseits durch die Formstabilität der Type, andererseits durch die Varianz in Sättigungsgrad, Position, Gradheit und Abstand, die sich durch die Verfertigung von Hand ergibt.
Drittens kann ich nur Texte stempeln, die mich wirklich angehen. Meinen Erfahrungen nach scheint, dass von den Lesenden die Energie, die beim Herstellen hineingeflossen ist, irgendwie auch gespürt wird, die Texte eingehender betrachtet werden und sich eine andere Berührung ereignet.
Viertens gibt es beim Stempeln immer wieder Zufälle, Fehler, die neue Assoziations-Räume eröffnen.
Schließlich ist das extrem entschleunigte Tun in Selbstbestimmung geschenkte Zeit. Buchstabe für Buchstabe dringt man in den Text ein.
In Verhältnissen von fortgesetzter Beschleunigung und Effizienzsteigerung kann die Praxis und Erfahrung gedehnter Eigenzeit zur Widerstandsgeste werden.

Die Erfahrungen zeigen, dass Menschen von der Möglichkeit zu stempeln stark angeregt werden, ganz besonders wenn es darum geht, Aussagen, die man mehr wahrgenommen wünscht, eine ästhetisch anspruchsvolle Gestalt zu geben.
Wesentlich kommt meines Erachtens noch hinzu, dass das Stempeln an eine ururalte Erfahrung aus unserer Frühzeit rührt: eine Spur zu hinterlassen, im Sand, am Stein.



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2 Stimme und Zeichen

Stimme und Zeichen

Stimme und Zeichen ist das Resultat einer paradoxen Reaktion auf die oft gestellte Frage: „Wie schaffen wir es, uns besser zu vernetzen, die Menschen auf die Straße zu bringen, sie zu informieren und aufzuklären?“.

Einerseits lehne ich jeglichen Versuch Menschen zu instrumenalisieren ab. Und finde es andererseits erstrebenswert, sich Menschen im öffentlichen Raum zusammenfinden zu lassen.

Ich meine, die Zeit ist reif für andere Formen, öffentlich auf die Straße zu gehen, als Demonstrationen es sind. Deswegen habe ich die obige Frage umformuliert und mich gefragt:

Auf was für einer Grundlage könnten sich die vielen Teilöffentlichkeiten und Individuen mit ihren jeweiligen Themen und Ausdrucksformen angesprochen und eingeladen fühlen, sich gemeinsam auf der Straße zu begegnen, noch dazu so, dass sie sich in und trotz ihrer Verschiedenheit als eine Öffentlichkeit erfahren können, in einem geteilten Anliegen miteinander verbunden und sich gegenseitig bestärkend?

Meine Antwort basiert auf vier Säulen:

1. auf einem gemeinsamen Namen, der drei Punkte erfüllen sollte: hinreichend formal und unspezifisch zu sein, der zweitens auch emotional ansprechen kann, und drittens anschlussfähig und einladend ist für unbegrenzte Ausdifferenzierung.
Anm: Auch wenn die Idee länderübergreifend gedacht ist, habe ich mich für einen deutschen Ausdruck entschieden. Weil jede Sprache ihr eigenes Potential für Mehrdeutigkeit, Assoziationsdichte und Nebenstimmen hat, das sich einfach nicht in eine andere Sprache übertragen lässt. Jede Sprache hat ihr eigenes Potential.

2. auf der Idee einer sozialen Bewegung aus dem Geist des Spiels - im philosophischen Sinn als fundamentale Lebenskategorie.

3. auf der Nutzung des Reichtums unserer gesamten Geistes- und Kulturgeschichte einschließlich der politischen Quellen.

4. auf der weitreichenden Bedeutung von Schönheit und künstlerischer Form, individuell als auch gemeinschaftlich, sowie von ästhetischer Erfahrung und nachhaltiger Erkenntnis durch den Körper und die Hand.
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"Wir müssen Begeisterung riskieren. Wir schaffen es
ohne Genuss,
nur nicht ohne Begeisterung. Nicht ohne Vergnügen.
Wir müssen
so stur sein, unsere Freude im gnadenlosen Glutofen dieser
Welt zu bewahren. …" (Zitat: Jack Gilbert, ´A Brief for the Defence´, in John Burnside: Natur! 100 Gedichte, 2018, S. 28)
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Quelle einer sozialen Bewegung

Jede soziale Bewegung, die in der Ablehnung von etwas wurzelt, ist früher oder später zum Scheitern verurteilt. Ihre Existenz bleibt abhängig von dem, wogegen sie ankämpft. Menschen halten es nicht aus, permanent gegen etwas zu sein. Eine soziale Bewegung, die nicht nur Bestand haben, sondern im besten Falle sogar eine sich steigernde Vitalität entfalten soll, braucht einen positiven Quellgrund. Das bedeutet nicht Verzicht auf Kritik. Im Gegenteil. Aber eben als Ladung, nicht als Motor.

Etabliertes und Attraktives - Bräuche als Inspiration

Beim großen Trachtenumzug zu Beginn des Oktoberfestes sind die Straßen von Menschen gesäumt. Ebenso bei Karnevals- Faschingsumzügen, rheinischen Fackelzügen, religiösen Prozessionen oder Paraden. Abgesehen davon dass es sich hier um etablierte Traditionen handelt, ist ihnen vor allem eines gemeinsam, nämlich große Spiele, Schauspiele zu sein. Das ist das entscheidende Kriterium, warum solche nach Spielregeln geordneten Gemeinschaftsformen so großes Interesse finden und Vergnügen bereiten. Davon lässt sich lernen.

Menschen, die Frieden lieben, müssen lernen, sich ebenso effektiv zu organisieren, wie die, die den Krieg lieben." (7) Menschen mögen Situationen, die übersichtlich, abschätzbar sind und zugleich Überraschungen enthalten.
Daraus folgt für mich geradezu zwingend Formen zu entwickeln, die beidem gerecht werden. Von erkennbarer Ordnung und für Neues offen.

Gerald Hüther nennt viele Formen, in denen Menschen heute aufeinander treffen, ungünstige Formate. Es bedeutet, dass in ihnen die Beziehung zwischen Menschen sehr leicht in Subjekt-Objekt-Beziehungen entgleiten, während das gemeinsame Wohl nur auf der Basis echter Subjekt-Subjekt-Beziehungen möglich sei.
Alle Menschen haben das Bedürfnis nach Verbundenheit und nach Entwicklung, Autonomie und Freiheit. Wenn wir den Menschen Formen des Zusammenseins ermöglichen, in denen sie sich gleichzeitig frei wie auch verbunden fühlen, wo sie in Gemeinschaft sind und zugleich großen eigenen Gestaltungsspielraum, Möglichkeiten der Selbstwirksamkeit haben, kann ein sich selbst erneuernder, sich selbst verstärkender Prozess in Gang kommen, von dem große Anziehungskraft ausgeht.

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Säule 1: Aspekte zu einem Namen, der verbindet

Damit wir Menschen zusammenfinden, bedarf es eines Anliegens, das wir teilen. (3) Ein Name, der alle einschließt, stärkt die Verbundenheit.
Mit Stimme und Zeichen wird niemand weder bevorzugt noch benachteiligt. Vielmehr kann er wie ein überwölbendes, mitwachsendes Dach Vielfalt und Neuem Raum geben.

Anm. Wenn im Folgenden von Stimme die Rede ist, denke ich in erster Linie an Sprache in Schriftgestalt.

Stimme und Zeichen ist einerseits hinreichend formal und unbestimmt, andererseits konkret und sinnlich genug, um auch emotional anzusprechen, und ruft nach Konkretisierung.

Die / Seine Stimme erheben, Stimmen wahrnehmbar machen, zu Gehör bringen, ihnen ein Gesicht geben, ein Zeichen setzen, Zeichen erkennen", zählen zu den bekanntesten Wendungen und erlauben vielfältige Bezugnahmen.

Unwillkürlich ist man geneigt zu fragen, welche Stimme-n und welche-s Zeichen gemeint sind. Genau dieses Unbestimmtheitsmoment kann als Einladung verstanden werden und einen Impuls hervorrufen.

Zeichen als neutraler weiter Begriff kann sich auf viele Arten sinnlicher Wahrnehmung beziehen und schließt viele Ausdrucksformen ein, einschließlich auch der Stimme selber.

Mit Stimme und Zeichen werden auch die zwei grundlegenden Merkmale des Menschen erfasst: Seine Fähigkeit zur Sprache wie seine Fähigkeit zur Symbolbildung. In seinem berühmten Buch Die öffentliche Meinung bezeichnet Walter Lippmann Sprache und Symbole als die beiden wirksamsten Herrschaftsinstrumente (4). Implizit enthält Stimme und Zeichen also genau die beiden Bereiche, auf die es für eine dem Geist der Freiheit verpflichtete soziale Bewegung am meisten ankommt.

Erwähnen möchte ich hier noch zwei frühe berühmte "Verwandte" unserer Kultur, aus dem Alten Testament, die dem formalen Ausdruck jene Wärme, Glut geben können, die ihm in seiner Neutralität auf den ersten Anschein hin ganz zu fehlen scheinen: Die Stimme aus dem Dornbusch, die übrigens eine Aufforderung und eine Autorität ist, und der Regenbogen nach der Sintflut als Zeichen eines Neuen Bundes und des Friedens.
Zeichen eines neuen Anfangs und des Friedens sind heute vielleicht dringender denn je zuvor.

Dass im Deutschen Zeichen ebenso als Singular wie Plural gelesen werden kann, ist ein willkommener Zufall, weil damit Vielheit mit angedeutet und vorweggenommen ist.

Stimme und Zeichen lässt sich auch auf die zwei Ebenen von Sprache beziehen, die semantische Erkenntnisgewährende (Zeichen), und die leibbasierte klangliche, Gefühlvermittelnde (Stimme).
Im Kontext einer sozialen Bewegung, die andere erreichen möchte, ist deshalb ganz besonders auf die Sprache zu achten.

Nach Harmut Rosa´s Resonanztheorie befinden wir uns als Menschen von vorn herein in einer Antwortbeziehung zur Welt. „Etwas ist da, etwas ist gegenwärtig“. Von irgendetwas fühlen wir uns angesprochen und geben ein Zeichen. In einer Haltung des anverwandelnden und selbstwirksamen Hörens und Antwortens, die auf eine wechselseitige responsive Erreichbarkeit gerichtet ist, wird nichtentfremdetes Leben möglich. Mit verblüffender Präzision markiert Stimme und Zeichen diese beiden Pole der Beziehung Welt-Mensch.

Wegen seiner Unbestimmtheit ist Stimme und Zeichen fast unbegrenzt anschlussfähig und offen und für die verschiedendsten Zusammenhänge. Zur Illustration: Wenn man nur das Wort Stimme-n hört, ist man unwillkürlich geneigt zu fragen, was für eine Stimme? / entsprechend was für (ein) Zeichen? Eine willkürliche Antwortreihe wie Stimmen von Zeugen, Stimmen der Überlieferung, Weibliche Stimmen , Stimmen amerikanischer Militärs, Ökologische Stimmen, Poetische Stimmen, Die Stimme Immanuel Kants … (5) hat einen Ansteckungseffekt und stimuliert die Phantasie.
Ohne besondere thematische Vorfestlegung wird allein dadurch, dass eine Konkretisierung erfolgt, eine Suchbewegung nach weiteren Stimmen ausgelöst.

Das ankündigende Anzeigen solcher Stimmengruppen am Anfang einer Stimmengruppe böte eine Möglichkeit, analog zu Trachtengruppen oder Schützenvereinen, für Außenstehende die Situation übersichtlicher zu gestalten und dem Bedürfnis nach Gewissheit über das zu Erwartende ein Stück weit zu entsprechen.

Stimme und Zeichen ist für mich daher ein Name der Integration für die Vielzahl an Stimmen und einen gemeinschaftlichen Resonanzraum.

6) Bündig und wortspielerisch gesagt: Stimme unter Stimmen sein und sich zugleich als Stimmen unter Stimmen zu erfahren.

"Menschen, die Frieden lieben, müssen lernen, sich ebenso effektiv zu organisieren, wie die, die den Krieg lieben." (7) Menschen mögen Situationen, die übersichtlich, abschätzbar sind und zugleich Überraschungen bieten können.

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2. Säule: Spiel als universelles Prinzip


Die freudige Assoziation, die der Begriff "Spiel" in der Regel auslöst, beruht nicht so sehr auf dem Spaß als darauf, was der Ausdruck "etwas hat Spiel" bezeichnet. Ein Mittleres zwischen Formlosigkeit und Starre. Eine Balance, in der wir uns zugleich gehalten frei beweglich erleben. Lebendige Form ist ein Formgebären und ein Formwahren in einem. Beides in einem haben zu können ist die primäre Ursache für die Freude, die wir mit dem Begriff "Spiel" verbinden.

Kein anderes Prinzip ist so fundamental und Garant für eine andauernde lebendige Entwicklung. "Die Forderung nach einer Rettung des Spiels ist ein politisches, ja, vielleicht sogar ein visionäres Projekt. "(8) "Freiheit und Autonomie einerseits und Verbundenheit und Gemeinschaft andererseits - sind neben der Angstfreiheit die entscheidenden Gründe dafür, weshalb wir Menschen so gerne spielen. Deshalb hat das gemeinsame Spiel solch eine enorme Anziehungskraft. (9) … Es ist an der Zeit, den Homo ludens (den Menschen - spielend), neu zu entdecken und zu verteidigen. Mehr noch: Es ist an der Zeit, den Homo ludens gegen den Homo oeconomicus in Stellung zu bringen - ihn stark zu machen und zu nähren. Das scheint uns notwendig, weil wir uns vom Homo ludens das subversive Potential versprechen, das es braucht, die Alleinherrschaft des Homo oeconomicus zu brechen, ihm einen kraftvollen Gegenspieler beizugesellen, um inmitten der von ihm geschaffenen Wüsten neue Oasen der Lebendigkeit zu pflanzen." (10)

Meines Erachtens ist innerhalb der sozialen Bewegungen wie z.B. auch der Friedensbewegung vermehrt über Gestaltungsformen nachzudenken, die zu solchen Oasen der Lebendigkeit werden können und emanzipatorische Kraft entwickeln gegenüber einer verbreiteten gesellschaftlichen Praxis, die die Tendenz hat, Menschen voneinander zu isolieren. Das Spiel selbst, die reine Spielfreude - aus der alles andere abgeleitet werden und hervorgehen kann - zum Kern und Puls einer sozialen Bewegung zu machen, Widerstandsgeist als freudvolles Tun entfachen, halt ich mit Abstand für den aussichtsreichsten, vielleicht sogar einzigen Weg, eine Bewegung dauerhaft stark und entwicklungsfähig zu erhalten.
"Kulturelle, künstlerische, sportliche Aktivitäten wirken gerade deswegen, weil und wenn sie nichts bewirken wollen. … Schlüsselerlebnisse mit manchmal lebensverändernder Kraft sind gewissermaßen Gratisbeilagen von Aktivitäten, die kein ´um … zu´ verfolgen, keinem ökonomischen Effizienz- oder pädagogisch-therapeutischem Nützlichkeits-Kalkül unterliegen." (11) ...


Zitatquellen:
(8) Gerald Hüther, Christoph Quarch, Rettet das Spiel!, S. 16 (9) ebenda S. 22 (10) ebenda S. 117 (11) Götz Eisenberg, Zwischen Anarchismus und Populismus, Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, S. 306 f

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3. Säule: Von Kund- zu Kundegebung

Parolen, abstrakte Forderungen, die mit Stopp, Nein, Kein, Ende, Jetzt usw. beginnen, sind das meiste, auf was man bei Kundgebungen und Demonstrationen stößt.
Ich glaube, dass das Außenstehende trotz eines gewissen Schauwerts vielfach eher abschreckt, sich zu beteiligen. Diese Formen können kein Herz erwärmen, weil sie einer Sprache aus dem "Kältestrom" entstammen (12). Zugleich stoße ich täglich auf Zitate oder Aussagen von geschliffener Schönheit, die in ihrer Klarheit und Aussagekraft so leuchtend prägnant sind, einprägsam und oft hoch informativ, dass ich mich jedes Mal wieder frage, warum wir anstelle dessen mit Allgemeinheiten, inhaltsleer Formelhaftem, mit Monotonie abgespeist werden, oftmals auch gestalterisch dürftig. Wobei das eine wohl mit dem andern zusammenhängt. Für eine Sprache, die seelisch und ästhetisch nichts hergibt, gibt man schwerlich was her. Meine Einladung: Bedienen wir uns doch des Reichtums unserer gesamten Kultur-, Geistes- und Ideengeschichte und tragen diesen in die Öffentlichkeit, zusammen oder verknüpft mit all dem, was heute zur Aufklärung und an Kritik unerlässlich ist. "Wenn es nicht die von den Künsten Europas, seiner Malerei, seiner Musik, seiner Poesie und seinen Natur- und Geisteswissenschaften entzündeten Lichter gäbe ... bliebe für diesen Kontinent in weltgeschichtlicher Hinsicht vielleicht nur noch ein Name: Das Herz der Finsternis." (13) Ein kleines eingefügtes e macht aus Kundgebung die Kundegebung. Der Sinn verschiebt sich signifikant. Während bei Kundgebung die "Haltung gegen etwas" vorherrscht, liegt bei Kundegebung der Akzent auf dem Weitersagen, Bekanntmachen, eben etwas "etwas kund zu tun" heißt. Kundegebung ist der positivere Begriff und benennt präzise, was hier gemeint ist: Stimmen öffentlich auf- und in Erinnerung rufen.
Jede und Jeder kann sich hier ins Spiel bringen mit einer Stimme, von der gewünscht wird, dass sie wahrgenommen werden möge.

Nebenbei ergibt sich hier die Möglichkeit für eine verbreitete Praxis:
die Um- oder Neudeutung eines Begriffes (14). Im vorliegenden Fall rückt der geläufige politische Begriff "Wahl- / Wählerstimme" in einen völlig anderen Kontext und meint nicht ohne Humor einen Raum der Freiheit und kulturellen Teilhabe.
Mit der Inanspruchnahme vielfältiger Quellen könnte der häufigen Forderung nach besserer Information, Bildung und Aufklärung auf zwei Ebenen Genüge entsprochen werden. Erstens über Beschäftigung mit dem Stoff über das eigene Tun, zweitens über den kommunikativen Raum auf der Straße. Außerdem wäre das sich feiernde Nebeneinander vieler unterschiedlicher Stimmen ein sichtbarer gelebter Ausdruck von Demokratie.

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4. Säule: Bedeutung der Form | Gewand der Stimme

Zygmunt Baumann erschien Ambiguität inzwischen „als die einzige Kraft, die imstande ist, das destruktive, genozidale Potential der Moderne einzuschränken und zu entschärfen.“ (16) „Neben der Religion bergen die Künste das größte Ambiguitätspotential.“ (17) „Kunst könne dabei helfen, das auszubilden, was die Psychologen Ambiguitätstoleranz nennen – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, unlösbare Widersprüche und Ungewissheiten auszuhalten, nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst, Kunst hilft uns, eine differenziertere Gefühlskultur zu entwickeln.“ (18) Wenn dies auch nur zu einem Teil zutrifft, dann müsste jede soziale Bewegung hieraus Schlussfolgerungen ziehen. Ästhetische Praxisformen zählen wohl zu den komplexesten und tiefsten, was das Erkenntnis-, Erfahrungs- und vor allem auch Veränderungspotential betrifft (19).

Für mich ist deshalb nicht die Frage, ob gemeinschaftliche Kunstformen im Kontext einer sozialen Bewegung zur Anwendung kommen sollten, sondern wie dieses sinnvoll gestaltet werden kann, so, dass auch denen aktive Teilhabe ermöglicht wird, die mit ästhetischen Praxis- und Denkformen wenig oder keine Erfahrung haben oder nur zu ganz geringem persönlichen Aufwand bereit sind.

Die verschiedenen Künste einschließlich der traditionellen Handwerkskünste besitzen einen Riesenfundus an künstlerischen Praxisformen, aus dem wir schöpfen sollten.

Warum gibt es eigentlich als ausdrucksstarke Bildzeichen keine Tragebilder von professionellen Malerinnen und Malern, die ihren Wert und ihre Würde daraus bezögen, dass sie bei öffentlichen Ereignissen wie Kund(e)gebungen zum Einsatz kämen einschließlich der damit einhergehenden Spuren, die das hinterließe?
Nach allem, was wir von Edvard Munch wissen, hätte das mit großer Wahrscheinlichkeit seine volle Zustimmung gefunden.

Je ausgeprägter die ästhetische Qualität im Erscheinungsbild - es gibt Kriterien - , umso eher und länger wird eine Stimme oder Aussage Aufmerksamkeit bekommen und erinnert werden können.
Wie bei ausgesuchter Kleidung. Schönheit bekommt Zuwendung.

Deswegen ist das Augenmerk auf die äußere Gestalt hier keine Nebensache.
Je form-, detailbewusster, umso intensiver, nachhaltiger die Wirkung.



Beispiel 1: Ökologische Situation

In seiner Einführung zu seinem Band "Natur!" erwähnt John Burnside den Schöpfungsmythos der Nordsamen, dem "zufolge Gott unsere Welt aus dem Leib eines zwei Jahre alten Rentiers erschuf, dessen lebendiges, schlagendes Herz er in die Mitte setzte und darum herum aus dem Fleisch des Tieres das Land schuf, aus den Haaren die Bäume, aus dem Blut die Flüsse und so weiter." (20) Diese Geschichte inspirierte mich unmittelbar zur Idee der Herzklopfer.

Eine Trommelgruppe (Trommelgruppen), die sich auf die klangliche Nachbildung und ausdifferenzierende Entfaltung der rhythmischen Grundfigur mit dem charakteristischen Nachschlag eines oder vieler schlagender Herzen beschränkt.
Was für Herztöne?
Den Schöpfungsmythos weiterführend könnte man antworten, dass der Herzton der Erde in allem, was je existierte und existiert, in je besonderer Weise nach- bzw. durchtönt.
Nachdem z.B. durch Schilder entsprechende Kontexte aufgerufen würden. Wie klänge der Herzton des letzten Exemplars einer vom Aussterben stehenden Tierart? Von aufgerissener Erde, einer ausgetrocknenten Landschaft, eines vergifteten Flusses? Einer Tierherde vor der unentrinnbaren Vernichtung ...?
Was auf den ersten Blick vielleicht an Eintönigkeit denken lässt, erweist sich bei weiterer Betrachtung in den verschiedenen Kontexten als unerschöpfliche künstlerische Herausforderung.

Das nur als ein weiteres Beispiel, wie auf künstlerische Weise ein hochpolitisches Thema kommuniziert werden kann.
Und dazu beitragen werden kann, dass wir die Erde in uns weinen hören.






Beispiel 2: Drohnenopfer

Hier wurde eine einfache Form entwickelt, mit der auf indirektem Wege eindringlich die Stimme gegen den Krieg erhoben wird, ohne die Abstraktion Krieg zu benutzen. Stattdessen macht sie konkrete Folgen sichtbar. Indem sie namentlich der Drohnenopfer gedenkt.
Ein weißes schalförmiges Stoffband, das in halber Länge über einen leicht gewölbten Holzzweig gelegt, an den vorstehenden Enden des Stöckchens von unten umfasst, auf nach oben gerichteten Handinnenflächen getragen wird. Ganz natürlich ergibt sich hierdurch eine mehrdeutige Gebärde, die zum Beispiel als Geste empfangender oder gebender, oder als um Vergebung bittender Hände lesbar ist. Auf der nach vorne hin sichtbaren Seite steht nur der Name eines Drohnenopfers, Land, Alter und Todesdatum. Geschrieben, Gestempelt, Genäht, appliziert oder in sonstiger Form.
Angesichts zahlreicher unbekannter Opfer von Drohnenangriffen wäre es ebenso möglich wie stimmig, nur leere weiße Tücher zu tragen.
Auf eine weitere ausgeprägt diskrete Möglichkeit brachte mich ein Teilnehmer in Ramstein 2018. Ohne das Wissen oder die Billigung vonseiten der betroffenen Familie wollte er das beschriftete Tuch nicht öffentlich zeigen und wendete die beschriftete Seite dem eigenen Körper zu, wodurch formal einerseits die Beziehung zwischen ihm und dem Opfer, dem eigenen Herzen zugewandt, direkter war, und andererseits es vor der Öffentlichkeit verborgen blieb.
Das Tuch ermöglicht eine Teilhabe mit großem als auch geringstem Aufwand. Auf den Innenflächen lässt es optional Raum für private Zusätze, Einschreibungen, womit es zu einem noch persönlicheren Gegenstand würde.

Mit dieser schlichten Form gemeinsam in der Art einer Prozession auf die Straße zu gehen wäre gerade auch gegenüber den Opfern eine würdige Form, sein Nein gegen den Drohnenkrieg zu artikulieren.

Was zu dieser Gestalt geführt hat, war der Versuch, dem Drohnenkrieg irgendwie ein Gesicht zu verleihen, dass er zumindest indirekt ein klein wenig fühlbar wird, und den Opfern etwas von ihrer Würde zurückzugeben, indem man an sie erinnert und sie vor ihrer drohenden Namenlosigkeit und dem völligen Vergessen bewahrt.

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Lassen sich die riesigen Zahlen an Kriegsopfern irgendwie sichtbar, in gewisser Hinsicht auch erfahrbar machen im Rahmen von Kundegebungen für den Frieden und gegen Krieg?
In eine Ausdrucksform bringen, die ethisch wie auch ästhetisch vertretbar ist?
Ausgehend von dieser Frage habe ich hier versucht eine Form zu finden, die mehreren Forderungen genügt.
An mit Abstand erster Stelle stand, die Würde der Opfer in keiner Weise zu verletzen. Um das gewährleisten, beschritt ich einen Weg der Abstraktion, des Indirekten, der Chiffrierung.

Dann die schiere Menge abbildbar zu machen und dabei annäherungsweise numerisch korrekt sein zu können bezogen auf bestimmte Länder oder Kriegsgebiete.

Dann der Aspekt Ähnlichkeit und Differenz, dass alle Betroffenen zur Gruppe der Opfer zählen, und jedes Opfer ein unvergleichliches Individuum gewesen ist.

Wichtig war mir auch die Möglichkeit der Fokusverschiebung von den Opfern hin zu den Ursachen, weil beides direkt zusammenhängt.

Die Lanzettform abhängig von Richtungsachse, Form, Farbsättigung und Maserung ergibt eine vieldeutige Form, und in der Spanne zwischen scharf konturierter Form bis hin zu fast ganz Verblichenem kann je nachdem das eine oder andere aufblitzen -

Kokon Verband Flügel Träne Bombe Blatt Boot Drohne
Frucht abstrahierte Figur Samen Keim Waffe

- sodass verschiedene Deutungen und Assoziationen möglich werden und unterschiedliche Zugangsweisen offen bleiben.
Horizontale, diagonale Positionierungen würden den Assoziationsraum noch mehr erweitern.

Lanzettform kommt vom mittelhochdeutschen Lanze bzw. altfranzösischen lance mit der Bedeutung ´eine Waffe aus hartem Material, die man stößt oder wirft´. Das passt in den gegebenen Kontext.
Die Redensart ´eine Lanze für jemanden oder etwas brechen´ dagegen ist positiv konnotiert und ich beziehe sie hier auf das Eintreten für den Frieden und ein achtungsvolles Leben.





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3 Ambiguitätstabsregiment | Großes Gehölzfest

Ambiguitätstabsregiment | Großes Gehölzfest

Der zweiteilige Titel steht für eine Vision und Idee, die dreierlei verknüpft:

- Eine ehrende, feiernde Hinwendung und Rückbindung zur Natur.
- Ein unerschöpfliches Sprachspiel als Reflex auf die endlose Komplexität der Welt.
- Eine gemeinschaftlich-selbstbestimmte Ritual- und Zeremonialkunst im öffentlichen Raum.

Sie ist außerdem der Versuch, einen sozialen Raum zu schaffen, der vollkommen frei ist von und immun gegenüber merkantilen Erwägungen.

Ins Denkgeäst. Vom Nächsten zum Nächsten zum Übernächsten und so fort oder wie eins zum andern kam.

Vor Jahren hatte ich gelesen, dass der First / Dachbalken in der daoistischen Kosmologie eine zentrale Rolle einnimmt. Er verkörpert das erste, höchste, uranfängliche raumordnende Element. Wie passend zum Kontext sich hier das englische ´first´ und das deutsche ´First´ küssen.
Als ich eine Weile später einen über 2 m langen Bambusstab fand, hängte ich ihn mir spontan mitten in meinen Arbeitsraum. Seitdem lebe ich unter dem Zeichen des Stabes.

Eines Abends las ich in Thomas Bauer´s "Die Vereindeutigung der Welt - Über den Verlust der Mehrdeutigkeit und Vielfalt" den folgenden Satz: "Der Soziologe Zygmunt Bauman geht noch weiter, wenn er schreibt, Ambiguität erscheine inzwischen ´als die einzige Kraft, die imstande sei, das destruktive genozidale Potential der Moderne einzuschränken und zu entschärfen.´" (Die Vereindeutigung der Welt, Reclam 2018, S. 17).

Am Tag darauf stand mir in einer spontanen Eingebung das Ambiguitätstabsregiment vor Augen. Der Weg von Destruktion und Genozid zum Militärischen und Regiment war denkbar kurz. Ebenso die Formanalogie zwischen den Kriegswaffen Speer, Pfeil, Gewehr und dem Stab.
Dazu kam, dass der Stab selber ein Paradigma par excellence für Ambiguität ist. Je nach Perspektive erscheint er als Symbol der Freiheit,der Befreiung oder als Zeichen der Bedrohung und der Unfreiheit.

Plötzlich sah ich in jedem Zweig oder Ast, der sich am Ende ypsilonförmig aufspaltete, den Prototyp eines Ambiguitätsstabes. In wohltuendem Kontrast zur Eindeutigkeit des Victory-Zeichens, das in der Form ähnlich ist. Zu all dem kam - als kleiner Gipfel der Ironie - noch hinzu, dass alle Bundeswehrkennzeichen mit einem Y beginnen.

Das war der Anfang. Vor meinem geistigen Auge sah ich anstelle von Demonstrationen Menschen mit Ambiguitätsstäben in vielfältigen Formationen und großer Spiel-Freude auf Straßen defilieren. Ambiguitätsstabträger? Ypsiloniker war einfacher und lustiger. Und frecher.

Damit kamen die Namen. Ich sammelte mehrere Stäbe mit ypsilon-förmigem Ende. Als ich sie nebeneinander aufstellte, sah ich, dass sie individuelle Ausprägungen und zum Teil sehr verschiedene Charaktere besaßen, zu denen unterschiedliche Namen passten. Neben Ypsilonikern gab es Zweiender, Schlangenzüngler, Zweischneider, Zwiespalter, Aufspalter, Getrennte, Ausstrecker, Entzweier, Stimmgabler, Hirschkäferrufer, Stabfühler, Spreizer und Umarmer. Einmal begonnen mit dieser Art Personalisierung und Charakterzuschreibung, sprang sie über auf alle möglichen Formen von Geäst von stabartigem Charakter. Das entfachte ein oszillierendes Wechselspiel zwischen gefundener Naturform mit je individuellen Merkmalen und mal beschreibender, charakterisierender, symbolisierender oder poetisierender Namensgebung.

Als ich merkte, dass auf diese Weise letztlich alle möglichen Formen und Größen einbezogen werden konnten, fiel mir eines Morgens schlagartig der Zweittitel, weniger zungenbrecherisch, ein: Großes Gehölzfest. Ohne es geahnt noch beabsichtigt zu haben, war jetzt noch die Ökologie mit ins Spiel gekommen (sie wird bestimmend werden, s.u.). Erst jetzt bemerkte ich, dass das Wort Gehölzfest Holz, Flöz und Öl in sich barg. Nicht genug damit, dass die drei Silben Groß, Geh und F/fest in schöner Vollständigkeit auf die zentralen Aspekte der Vision verweisen, nämlich eine Vielzahl an Menschen, ein sich Fortbewegen auf der Straße, ein Holz in der Hand oder den Händen. Fasst man die beiden Silben Geh und F/fest mit ihrem Bedeutungsaspekt Bewegung und Stillstand und bringt sie mit den anderen Worten zusammen, ergibt sich eine schillernde Mehr- und Vieldeutigkeit.



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Tischfest













































Dank an R.


















Dank an M.




Rinne an Tisch mit Ober- und Unterkresse

Dies war der Titel eines Beitrages zu Kunst in Sendling 2011, das unter dem Leitthema Geist des Miteinanders stand.

Beschreibung: Eine Europalette wurde auf beiden "Etagen" mit Stoff bezogen und zwei Wochen vor der Aktion mit Kressesamen bestreut und feucht gehalten. Durch die oberen Bretter war leicht schräg verlaufend ein handbreiter Spalt gesägt und ein Brett - die Rinne - zwischen beiden Ebenen mit einer Neigung eingehängt, sodass sich aus der einen Richtung ein aufsteigender Verlauf, aus der anderen ein absteigender Verlauf zeigte. Die Rinne war mit 40 Kressesamen in zunehmender Dichte bestreut.
Die Besucher bekamen Gemüsebrühe angeboten. Vorgesehen war, dass sie sich mit Scheren wahlweise von der Unter-und Oberkresse nehmen. Das erübrigte sich in den meisten Fällen, weil die Kinder mit ihren Scheren kaum erwarten konnten, den Gästen Kresse abzuschneiden und dabei genauestens darauf achteten, dass alle sowohl von der Unter- als auch von der Oberkresse abbekamen.


Hintergrund ...





















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Sieben annotierte Grundformen
für öffentliche Schlaftürme


Eine poetische, indirekt auch politische Antwort auf die Zerlichtung der Nacht.
Artikulation einer Erinnerung und Sehnsucht nach einem hierzulande weithin verschwundenen Erfahrungsraum, der wie nichts sonst das Potential hat, uns Demut zu lehren und uns daran zu erinnern, Teil eines unermesslich großen Ganzen zu sein.

Die sieben länglichen Formen als Chiffren der menschlichen Gestalt. Die Worte weiten den Raum der Imagination, vielleicht eine Art Reflex auf den weiten Raum des Nachthimmels.